Petite enfance en lutte un an déja !

Als kleiner Nachtrag der Vollständigkeit halber ein paar Zeilen zur vorerst letzten Aktion auf den Straßen von Paris unter Beteiligung meiner Wenigkeit: Die Section CNT People and Baby hatte für Mittwoch dazu aufgerufen, sich anlässlich der Jährung des Arbeitskampfes gegen miese Arbeitsbedingungen und gegen die Entlassung von Streikenden bei der Kinderkrippenkette People and Baby vor deren Firmenhauptsitz in der 5. Etage eines Hauses in der Avenue Hoche 9 im wohlhabenderen Teil der Stadt zu einer Kundgebung zu versammeln. Vor einem Jahr begann die Auseinandersetzung infolge der Entlassung von fünf dort angestellten streikenden CNT-Mitgliedern, die teils mit spektakulären Aktionen wie der fünftägigen Besetzung des People and Baby-Büros ausgetragen wurde. Der Arbeitkampf wurde damit einer der Schwerpunkte der Arbeit der CNT im letzten Jahr.

Um der Chefetage einmal mehr zu verdeutlichen, dass der (mit Teilerfolgen belohnte) Kampf um die Wiedereinstellung der Kolleg_innen auch ein Jahr später noch andauert und dem Ruf von People und Baby weiter zu schädigen, versammelten sich ab Mittags schließlich knapp 50 Leute samt Lautsprecherwagen, der seinem Namen alle Ehre machte, vor dem von Securities und Polizei bewachten Gebäude. Bei bester Stimmung wurde der Firmenchef Christophe Durieux als Ausbeuter geoutet und die Straße mit Redebeiträgen, Musik, wunderschönen Gesang und Parolen ziemlich unüberhöhrbar beschallt. Das angekündigte Grillfest (ein Schlag ins Gesicht aller Kritiker_innen der DGB-Würstchenkultur, die auf Frankreich als Positivbeispiel verweisen!) musste leider ausfallen, da keine Genehmigung vorlag, andere Snacks wurden aber improvisiert. Auf dem Balkon von People and Baby ließ sich die zwei Stunden lang keine_r blicken, aber der gesamte Straßenzug dürfte unausweichlich an die antigewerkschaftlichen Verhältnisse bei der Firma erinnert worden sein. Abends gab es in den Vignolles noch ein Solikonzert (da kann ich aber nix zu sagen) und auch in den nächsten Wochen stehen wieder vermehrt Aktionen im Zusammenhang mit P&B an.

Urgence Grèce – les travallieurs n‘ont pas de patrie !

Wie unten erwähnt fand am heutigen Montag im Rahmen des internationalen Aktionstages die mittlerweile zweite Pariser Solidaritätskundgebung mit den 300 hungerstreikenden papierlosen Arbeiter_innen in Thessaloniki und Athen statt, die ihren Kampf um die Legalisierung aller illegalisierten Migrant_innen in Griechenland bereits seit 42 Tagen aufrechterhalten und auf eine beachtliche Solidarisierungswelle gestoßen ist. Nachdem die letzte, eher spontan einberaumte Aktion in der französischen Hauptstadt zu dieser Thema stark unter mangelnder Vorbereitung gelitten hatte, mobilisierten diesmal die CNT und hier ansässige griechische Student_innen. Dem Aufruf, sich Nahe zu der selbstredend durch Polizeikräfte abgeriegelten griechischen Botschaft im 16. Arrondissement unweit des Arc de Triomphe zu versammeln, folgten schließlich zwischen 50 und 100 Teilnehmer_innen, hauptsächlich aus dem libertären Spektrum und besagten Kreisen griechischer Student_innen. Eine Lautsprecheranlage gab es leider trotzdem nicht, dafür mehrere Transparente, Flugblätter, Fahnen und immer wieder auch einigermaßen laute Parolen. Nach etwa eineinhalb Stunden war dann gegen 19.30 Uhr Schluss.
Kraft und Hochachtung den 300, die gerade mit dieser beeindruckenden Aktion der rassistischen Weltordnung Contra geben.

Solidarité avec la grève de la faim au CDR de Vincennes

Während der Hungerstreik der 300 illegalisierten Migrant_innen in Griechenland weiterhin, nun schon seit über 40 Tagen, andauert, sind auch hier am südöstlichen Stadtrand von Paris vor 11 Tagen Insassen des Abschiebezentrums in Vincennes in den Hungerstreik gegen die dortigen miesen Lebensbedingungen und die Abschiebemaschinerie getreten. Das Centre de rétention de Vincennes liegt am Rande eines riesigen, ehemaligen königlichen Jagdgeländes um das mittelalterliche Chateau de Vincennes, das heute vor allem für Pferderennen, als Erholungsgebiet und Touristenattraktion genutzt wird. Nichtsdestotrotz liegt das Abschiebezentrum gut am Rande dieses Riesenareals versteckt, wo man sich ohne konkreten Plan eher zufällig hinverirrt und folgt damit der sich innerhalb des europäischen Abschiebesystems durchsetzenden Strategie, die Betroffenen isoliert und fernab großer öffentlicher Aufmerksamkeit abzufertigen. Dennoch gelangte gerade das CDR Vincennes zu großer Aufmerksamkeit, als dieses im Juni 2008 während eines Aufstandes der Insassen infolge des Todes eines herzkranken Tunesiers im Abschiebezentrum von den Revoltierenden niedergebrannt wurde.

Um den Hungerstreik zu unterstützen und für die Schließung aller Abschiebelager im speziellen sowie die Beendigung der rassistischen Abschiebepraxis im allgemeinen einzutreten, rief das Collectif de vigilance Paris 12 pour les droits des étrangers am Samstag zu einer Solidaritätskundgebung vor dem Abschiebezentrum auf. Zu dieser kam es allerdings nicht, denn Dank der weiträumigen polizeilichen Absperrungen war die Versammlung einige hundert Meter, gerade noch auf Sichtweite des CDR, verbannt. Dank verschiedener Redebeiträgen, Parolen und vor allem lauter Musik, dürften die Insassen und die Streikenden die unterstützende Präsenz der etwa 50 Menschen zwischen 15 und 17 Uhr aber dennoch mitbekommen haben, die sich zu etwa gleichen Teilen aus eher bürgerlichen Menschenrechtsaktivist_innen, Militanten aus Sans Papiers-Kollektiven und dem linksradikalen Spektrum zusammensetzte, die den Weg ins abgelegene Hinterland gefunden hatten. Bleibt zu hoffen, dass dieser zarte solidarische Gruß hinter den Mauern des staatlichen Rassismus zur Kenntnis genommen werden konnte und den Kämpfenden ein wenigstens bisschen Kraft zum Ausharren spenden konnte.

Heute Abend findet in Paris übrigens gleich die nächste Aktion gegen die rassistische Abschottungspolitik des reichen Europas statt, diesmal wieder in Solidarität mit den beeindruckenden Kämpfen der Sans Papiers in Griechenland um 18 Uhr vor der griechischen Botschaft, zu der das internationale Sekretäriat der CNT aufruft.

Nous avons besoin de lieux pour habiter le monde !

Die Coordination des intermittents et précaires – Ile de France am Rande des 19. Arrondissements, kurz C.I.P., ist wohl das in Aktivist_innenkreisen weit über die Grenzen des Großraum Paris bekannteste verbliebene Squat aus der Generation der Bewegung der prekarisierten Künstler_innen von 2003, was wohl vor allem mit dessen vehementen politischen Akivismus innerhalb der lokalen sozialen Basiskämpfe zusammenhängen dürfte, der seines Gleichen sucht. Außerdem bot das C.I.P. als Zentrum mit klaren politischen Selbstverständnis, was längst nicht für alle, insbesondere Künstler_innensquats zutrifft, – es wird z.B. auch nicht als Wohnraum genutzt – in den vergangenen Jahren Raum für allerlei Initiativen und war bisher Dank der Geräumigkeit des dreistöckigen Gebäudes am Quai de la Charente einer der vorteihaftesten Orte für größere gegenkulturelle Veranstaltungen in Paris.

Nicht erst seit gestern ist dieses bedeutende Zentrum, das viele, teils namhafte Unterstützer_innen im Rücken hat, durch Räumung und Abriss bedroht. Da sich die juristischen Prozedere um Räumungen von besetzten Häusern in Frankreich mitunter sehr lang hin ziehen können und Dank der großen Bemühungen der C.I.P.-Aktivist_innen in dieser Hinsicht, konnte das absehbare Ende des Projektes immer wieder herausgezögert werden. Ebenso dauern seit langem Verhandlungen mit der Stadtverwaltung um ein Ersatzobjekt an. Derzeit wird die Räumung des C.I.P.s jedoch täglich erwartet. Dies hat vor allem den Grund, dass die bevorstehende Räumung seit etwa einem Monat auch auf juristischer Ebene abgesegnet ist. Nochmals verschärft hat sich die Situation dadurch, dass ein letztes Gespräch zwischen C.I.P. und der Stadt um ein geeignetes Ausweichobjekt, das am vergangenen Mittwochnachmittag im Hotel de Ville im Herzen von Paris stattfand, gescheitert sind. Dies ist der destruktiven Haltung der Stadt zu verdanken, die (wiederholt) lediglich ein völlig rottes Gebäude an unpassender Stelle in Aussicht gestellt hatte und dies auch noch befristet auf gerade mal zwei Jahre. Gut – dass eine Stadtverwaltung, die seit Jahren wie mittlerweile in allen europäischen Metropolen üblich, eine brutale Politik der kapitalistischen Aufwertung und sozialen Vertreibung durchsetzt, wenig ein besetztes antagonistisches Zentrum in Selbstverwaltung übrig hat, dürfte wohl auch niemanden überraschen.

Begleitet wurde die Delegation des C.I.P.s von knapp 100 Genoss_innen, die vor dem Rathaus für die Dauer des Gespräches – etwa von 16 bis 18.30 Uhr – eine Kundgebung abhielten, die sogar über eine vernünftige Infrastruktur wie einer kleinen Lautianlage, Transparente, Flugblätter und eine kleine Sambagruppe verfügte.
Unterbrochen wurde die Teilnahme für eine Handvoll Aktivist_innen kurzzeitig dadurch, dass zeitgleich am anderen Seine-Ufer die Action francaise, eine im Bunde mit klassischen FaschistInnen stehende royalistisch-nationalistische Splittergruppe Flugblätter verteilten (ja, sowas Durchgeballertes gibt es hier, die wollen tatsächlich die Monarchie zurück und streiten sich ernsthaft mit anderen RoyalistInnen darüber, wie diese ernannt werden soll…). Der spontane Aufbruch erreichte den Tatort aber erst, als die Freaks gerade einpackten und war auch sonst nicht gerade gut vorbereitet, wie man hat munkeln hören. Von dieser Randepisode gibt es also nichts weiter zu berichten.
Kurz nach 18.00 Uhr kamen die C.I.P.-Delegierten dann vom erfolglosen Vorsprechen im Amtszimmer mit den bekannten schlechten Neuigkeiten zurück und die Kundgebung fand ihr Ende.

Noch ist das C.I.P. übrigens existent, auch in den letzten Tagen ließ die Räumung weiter auf sich warten. Interessant zu erwähnen ist übrigens noch, dass Räumungen von Squats, im Gegensatz etwa zu der beispiellosen Liebig-Mobilisierung in Deutschland vor einigen Wochen, hier eher von vorn herein einkalkuliert werden und meist auf relativ wenig Widerstand stoßen. Dass am Freitag (13 Uhr Bastille) gleich eine weitere Kundgebung für ein Ausweichobjekt für das C.I.P. stattfindet, ist also durchaus herausragend und hängt eher mit dessen Bedeutung zusammen. Bleibt zu hoffen und ntürlich zu erkämpfen, dass die äußerst respektable Geschichte des C.I.P. auch zukünftig andauern wird, an welchem Ort genau dann auch immer.

Un flic = une balle !

Und schon wieder ist ein Monat rum und auch heute hieß es Abschied nehmen, diesmal von der besten kulturell-politischen Veranstaltungsreihe, die Paris derzeit zu bieten hat, genauer gesagt von dem monatlichen Sonntagfrühabendkonzert des Colletif Contre Culture, deren regelmäßige Besuche mir so einige herausragende Bands näher gebracht haben und das auch noch in einer unschlagbaren Atmosphäre und stets mit einem politischen Themenschwerpunkt aufgeladen. An entsprechende sich mit ebendiesem beschäftigende Initiativen gehen auch die jeweiligen Überschüsse der Soirées und der Raum für Information und Debatte vor dem musikalischen Programm ist obligatorisch. Dieser widmete sich heute den selbstbewussten Kämpfen der Mapuche für Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und den Erhalt ihrer Lebensgrundlagen gegen den chilenischen Staat, der gerade aktuell mal wieder heftige Repressionen nach sich zieht, und der hiesigen Soliarbeit dazu.

Musikalisch war der Abend heute so bunt gemischt wie wahrscheinlich selten zuvor. Den Anfang machten die mittlerweile schon alten Bekannten von den Angry Cats, ein Garant für ein klassenkämpferisches Rockabilly/Rock‘n'Roll/Country-Feuerwerk aus gecoverten Klassikern dieser Genre und eigenen Kompositionen. Durch die Spielfreudigkeit der noch recht frischen Formation um den alten Hasen Fred Alpi konnte ich deren stetige Fortentwicklung allein im letzten halben Jahr ganz gut nachvollziehen, die sich sowohl im Zusammenspiel, in der Perfektion des Bühnenauftretens – der Drummer kletterte noch waghalsiger auf und um sein Instrument herum als je zuvor und poste auch sonst ganz ansehnlich – bis hin zum Outfit (heute zu 2/3 im klassischen cashschen Schwarzhemd) merkbar niederschlug. Alles mit sympathischer Selbstironie, Spaß und politischer Agitation im Sinne des Anarchosyndikalismus vermengt und natürlich musikalischem Können. Wird mal Zeit für einen Debutoutput, dann steht dem großen Durchbruch ganz sicher nix mehr im Wege… Watch out!

Weiter ging es zwar etwas weniger originell, aber trotzdem ganz anständig. Bei 20 minutes de chaos war der Name Programm (okay ein bisschen länger hat’s vielleicht schon gedauert…). Diese trumpften mit abgefucktem Anarchopunk auf, der wohl nur in den Tiefen des legendären besetzten Anarcho-Zentrums Les Tanneries in Dijon und dem Umfeld des großartigen Maloka-Labels gähren kann. Durchgehend schnelles Tempo, manchmal auch in schön stumpfes Geknüppel abdriftend, mehrstimmiger angepisster Gesang, mal gebölkt, mal melodiös. Zwar disqualifizierte sich die Sängerin zwischenzeitlich eigentlich durch die unterirdische Ansage „Love animals – hate football!“, aber zum Glück machten Songtitel wie sinngemäß „Blow up the system – fuck the rich!“ oder so ähnlich diesen Ausfall wieder wett. Abschließend wurde dann noch der äußerst passende Fleas and Lice-Klassiker „Up the punx!“ gecovert, den ich schon ewig nicht mehr gehört hatte – sehr schön!

Kurze Umbaupause und mit dem letzten Act war dann nochmal ein radikaler Genrewechsel angesagt. Mit dem Collectif Mary Read aus dem Pariser Vorort St. Etienne gab es beeindruckend auf die Bühne getragene politisch-anarchistisch aufgeladene Wut aus den Banlieus in HipHop-Form bekannter französischer Prägung. Drei MCs hassten in nicht gerade bürgerlich-korrekter Sprache die Bullen, feierten D.I.Y. und sprachen allen möglichen Protagonist_innen der Bewegung ihre Props aus. Insgesamt gut aggressiv, teils coole melodische Beats und vor allem Authenzität. Unbedingt auschecken, ganz neu und unbekannt sind die ja tatsächlich auch nicht mehr (sind z.B. auch auf dem No Nation-Mixtape 2009 der NEA vertreten…).

Pünktlich um 22.30 Uhr ging dieser weitere feine Sonntagabend im C.I.C.P. zu Ende, der ein lebendiges Totschlagargument dafür war, dass musikalische Unterschiede keine Grenzen darstellen müssen, gerade wenn sie sich unter einem übergeordneten Nenner wie linksradikaler Politik vereinen. Und auch dem C.C.C. hieß es nun Adieu zu sagen – merci et respect a vous !

Adieu ma banlieue rouge !

Die Tage des Abschieds sind angelaufen und folglich ging am frühen Abend des vergangenen Samstag meine viel zu kurze, aber dafür intensive Liaison mit dem großen Red Star 93 FC bis auf Weiteres zu Ende. Und mit der zweiten Mannschaft der Nordfranzosen vom RC Lens bevölkerte mit dem Tabellenfünften kein schwacher Gegner die eine Rasenhälfte im Stade Bauer, deren Hausherren sich Dank eines hart erkämpften 2:2 beim Tabelldritten US Quevilly vergangene Woche trotz andauernder Sieglosigkeit weiter auf dem zweiten Rang behaupten konnten – es ging also weiterhin um die entscheidende Frage weiter im Austiegsgeschäft mitzumischen oder nicht.

(Fast) pünktlich um 18 Uhr enterte man die heiligen Traversen, die heute mit 880 Zuschauer_innen etwas mäßiger besucht waren als bei den vergangenen Heimspielen. Die Wetterverhältnisse waren aber auch nicht unbedingt die Schönsten.
In der ersten Hälfte zeigte sich Red Star abermals nicht von seiner besten Seite, Lens schien generell etwas konzentrierter bei der Sache zu sein und dominierte leicht. Es blieb jedoch bei einem torlosen Halbzeitstand und ich kann mich gerade auch nicht an herausragende Torchancen erinnern. Dementsprechend verschlafen war heute zunächst auch der Support.
Das alles sollte sich aber mit Beginn der zweiten Halbzeit ändern, als Cedric Sabin in der 48. Minute die grün-weiß-roten Herzen erlöste und damit für die entscheidende Wende im Spielverlauf sorgte. Angepeitscht von einem erwachten und nun motivierten Supportmob hatte der Rote Stern die Zügel ab jetzt fest im Griff und der RCL hatte Glück, dass es bei dem einen Gegentor blieb, welches erfreulicherweise nichtsdestotrotz der Siegtreffer des Tages sein sollte. Die Premier Est jubelte, die Mannschaft ließ sich gebührend feiern!

Nach vier Spielen ohne Sieg hat sich das Team aus Saint-Ouen damit gerade noch rechtzeitig als ernstzunehmender Auftiegsaspirant in der CFA-A zurückgemeldet und mir einen herzerweichenden Abschied aus der Pariser Fußballwelt beschert, der mit einigen letzten Bieren im Olympique (wo nach dem nächsten Heimspiel in zwei Wochen übrigens ein ganz nettes Konzert stattfinden wird – leider ohne mich…) ebenso würdig zu Ende ging. Ab jetzt dann halt via Internet, aber dafür immerhin wieder näher am magischen braun-weißen FC, was ja doch ganz versöhnlich ist. Un jour je reviendrai !

A – anti – anticolonialiste, antiimperialiste, anticapitaliste, internationaliste !

Zum mittlerweile sechsten Mal fand in Paris die Antikolonialistische Woche statt, eine Veranstaltungsreihe, die u.a. von den Parteizeitungen der PCF (L‘Humanité) und der NPA (Tout est à nous !) initiert, aber von zahlreichen Organisationen unterstützt wird. Auf zahlreichen, ganz unterschiedlichen Veranstaltungen wird sich während dieser mit der blutigen französischen Kolonialgeschichte und ihrer bis heute andauernden Nachwirkungen auseinandergesetzt.

Die Abschlussdemo der Semaine anticoloniale unter dem Motto „Ausstieg aus dem Kolonialismus – gegen Krieg, Rassismus und staatliche Xenophobie“ am vergangenen Samstag stand naheliegenderweise ganz im Zeichen der aktuellen Umwälzungen in den Mahgreb-Staaten, deren Geschichte in den Fällen von Tunesien, Algerien und Marokko (im weitesten Sinne ja sogar auch Ägypten) bekanntlich eng mit der des französischen Kolonialismus verknüpft ist. Ebenso im Fokus befand sich die Tatsache, dass es sich trotz der formalen Unabhängigkeiten seit Mitte des 20. Jahrhunderts bei den erzwungenen einseitigen Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen um keine abgeschlossenen (oder gar aufgearbeiteten) Kapitel handelt, wie nicht nur die jüngste Affäre um die Verquickung der französischen politischen Elite mit (jetzt ehemaligen) autoritären Machtcliquen in Nordafrika zeigt, sondern auch z.B. die bis heute dauerhafte Stationierung französischer Truppen zur Sicherung des Zugriffs auf die Ölvorkommen in Algerien.

Nach einer für pariser Verhältnisse ziemlich präsenten Mobilisierung im Vorfeld fanden sich am Samstagnachmittag bei wechselhaften Wetter am Place de la Republique schließlich einerseits das bekannte Spektrum linker Parteien und Organisationen, andererseits auch allerlei mit vom (Post-)Kolonialismus bzw. Imperialismus betroffenen Staaten und Regionen verbundene Menschen mitsamt ihrer jeweiligen (Prä-)Nationalfahnen (u.a. von Tunesien, Ägypten, Palästina, Algerien, Kurdistan) ein. Aus aktuellem Anlass stachen Solidaritätsbekundungen mit den Aufständischen in Libyen (wobei es gerade in diesem Fall äußerst schwer fällt, ein geschlossenes die zu definieren… ) in ihrer Quantität natürlich besonders stark heraus. Trotz dieser bunten Mischung blieb die Teilnehmer_innenzahl im unteren vierstelligen Bereich hinter den allgemeinen Erwartungen zurück.

Nach nicht allzulanger Wartezeit setzte sich die Demo mit dem Ziel Invalides (die Versinnbildlichung des französischen Militarismus schlechthin, außerdem in unmittelbarer Nähe zum Außenministerium), also für eine ewige Route quer durch die Pariser City, in Bewegung.
Auch aus dem libertären Spektrum formierte sich ein kleiner Block aus CNT („Avec les opprimés toujours!“) und Alternative Libertaire. Letztere hatten einen eigenen Lautsprecherwagen mitgebracht und setzten vernünftigerweise schon recht bald auf eine Kooperation mit den wie immer sehr motivierten Moderatorinnen des Lautis der direkt dahinter laufenden NPA, anstatt den ziemlich aussichtslosen Versuch zu starten, einen Battle im gegenseitigen Übertönen zu gewinnen. Ob sich aus diesem gegenseitigen, solidarischen Komplettieren der Parolen via Lauti eine zukünftig engere Zusammenarbeit des libertären und posttrotzkistischen Lagers ablesen lässt, sei mal dahin gestellt.
Nunja, dass diese Geschichte, die eigentlich eher eine Randnotiz sein sollte, berichtendswert ist, offenbart schon, dass ansonsten nicht besonders viel passiert ist. Das Label Latschdemo passte wohl selten so gut wie heute. In Kombination mit der viel zu langen Route und wiederkehrenden Regenschauern ist es somit kaum verwerflich, dass sich (nicht nur) der CNT-Mob bereits nach etwa Dreivierteln der Route verabschiedete. Inklusive mir, weshalb es hier über etwaige besondere Vorkommnisse während des Endspurts leider nix zu lesen gibt.

Solidaritè internationale : Les 300 sans papiers a la Grèce & la revolt libyenne

Seit fast einem Monat, genaugenommen seit dem 25. Januar 2011, befinden sich 300 illegalisierte Migrant_innen in den griechischen Städten Athen und Thessaloniki in einem selbsorganisierten Hungerstreik und fordern mit dieser Aktion die bedingungslose Legalisierung aller Migrant_innen in Griechenland. Nicht zuletzt dadurch, dass sich die mächtigen EU-Staaten, allen voran wie immer die BRD, sich mit Maßnahmen wie der sogenannten Drittstaatenregelung den Großteil der brutalen Durchsetzung der rassistischen EU-Migrationspolitik an die EU-Außengrenzen, so auch nach Griechenland, ausgelagert haben und die eigenen Hände nur noch vergleichsweise selten direkt in Blut waschen müssen, verschlechtern sich die Lebensbedingungen von Migrant_innen ohne Papieren dort in den vergangenen Jahren zunehmend; ob durch die von FRONTEX-Menschenjäger_innen verursachte Lebensgefahr bei der Überfahrt zum europäischen Kontinent, ob in den ‚Auffanglagern‘ und Abschiebeknästen oder durch die Realitäten eines illegalisierten Lebensalltags in einer von wachsenden Rassismus gekennzeichneten (freilich nicht nur griechischen) Gesellschaft. Damit einher gehen jedoch auch eine Zunahme und Verschärfung der Kämpfe der Betroffenen, die Selbstorganiserung von illegalisierten Migrant_innen und auch der Solidarität – in Griechenland und darüber hinaus. Ein Ausdruck davon ist der derzeitige Hungerstreik der 300 und seine solidarische Begleitung .

Aus diesem Grund fand – wie in einigen anderen Städeten Europas – am gestrigen Dienstag auch in Paris eine kleine Solidaritätsaktion vor der Nationalversammlung statt, zu der u.a. französische Sans Papiers-Kollektive aufgerufen hatten. Wie so oft hierzulande bedeutete ein Aufruf nicht gleich die Organisation einer Kundgebung und so wurde daraus leider eher ein 1 1/2 stündiges, polizeilich bewachtes abendliches Rumstehen von etwa 30 Solidarischen, dessen Grund immerhin zwei Transparente und ein Stapel Flugblätter näher erleuterten. Da das Regierungsviertel gerade am Abend nicht unbedingt zu den belebtesten in Paris gehört, dürfte die Außenwirkung aber Wohl oder Übel ziemlich gering gewesen sein. Aber gerade bei Aktionen symbolischer internationaler Solidarität zählt ja das ‚dass‘ manchmal mehr als das ‚was‘.

Etwa zeitgleich startete nicht allzuweit davon entfernt ein weiterer Ausdruck internationaler Solidarität, dessen letzte halbe Stunde an dieser Stelle auch bezeugt werden kann: Vor der abgeschirmten libyschen Botschaft versammelten sich einige hundert Menschen, um gegen die derzeitigen Massaker des Gaddafi-Regimes an seinen revoltierenden Untertanen zu protestieren, nachdem die Aufstände in den arabischen Staaten nicht nur Nordafrikas innerhalb der letzten Woche nun auch in eines der Länder mit dem brutalsten Potenzial, das irrationale und damit unberechenbar regierte Land Libyen, übergeschwappt. Den schon immer fragwürdigen Status Genosse hat Gadaffi trotz seiner unbestreitbaren Revolutionsverdienste ja schon seit Jahrzehnten längst verspielt (selbst die sonst so gern – ääh – sonderbar konsequent antiimperialistische Junge Welt geht auf Distanz!) und weil Scharfschützen und Luftangriffe auf Demonstrant_innen unter keinen Umständen auch nur ansatzweise komisch sein können, ist seine Rolle als belustigender Clown der internationalen Politik nun auch endgültig dahin und es bleibt lediglich zu hoffen, dass dieser skrupellose und eitle Freak und sein verfilzter Klan so schnell wie möglich abgesägt werden und das Land danach nicht – wie im schlimmsten Fall zu befürchten – in einem Bürgerkrieg konkurrierender Machtgruppen versinkt.

Punk néerlandais et le sport #2

Nochmal obskur! Schon das zweite mal binnen einer Woche auf ein Punk-Konzert in einer sogenannten Sportsbar, nur dass es sich an diesem Samstagabend im Gegensatz zum letzten Sonntag tatsächlich um eine solche handelte. Das war aber auch keine Überraschung, denn immerhin war ich schon das zweite Mal innerhalb des sich langsam zu Ende neigenden halben Jahres in dieser besagten Belushi’s Bar. Und auch diesmal blieb mir schleierhaft, wie zur Hölle man sich zu beschissener (und viel zu lauter) Musik, in beschissenem Ambiente mit alles andere als ansprechenden Leuten Fußball bzw. Rugby im Fernsehen reinziehen kann um dabei viel zu teures Bier zu trinken. Na gut, nix Grundsätzliches gegen gelegentlichen Fußball zu viel zu teurem Bier, aber dann doch bitte old-school in ’nem Irish Pub oder so. Aber das nur am Rande…

Zum Glück fand das Konzert ja auch nicht im oberen Geschoss, sondern im Keller der insgesamt wenig einladenden Bar statt, der im Vergleich als Konzertraum auch um einiges annehmbarer ist. Gleich vier Bands standen an und daher ging das musikalische Programm auch einigermaßen pünktlich gegen 20 Uhr los. Und das zunächst leider nicht besonders vielversprechend: Der Opener Doliprane 5000 aus Paris-Banlieue war mit seinem neumodischen, rockigen Punk dermaßen belanglos, dass die nicht wenigen Verspieler und der miese Sound eher noch als willkommende Auflockerungen verstanden werden konnten. Bei den darauf folgenden Begarsound, ebenfalls Ballungsraum Paris, ließen die ersten Akkorde zunächst Besseres vermuten, dort wo man in den besten Momenten einen Hauch von neueren Los Fastidios raushören konnte, dominierte allerdings nerviger Party-Punk mit Rockstarattitüde, zumindest ließ das eher aufgesetzt wirkende Auftreten der Band diese vermuten. Das persönliche Fazit der ersten Halbzeit des Abends fiel dementsprechend ernüchternd aus.

Sowohl musikalisch, als auch vom Sympathiefaktor sah es beim nächsten Act schon deutlich überzeugender aus: Speedball aus der Bretagne, die an diesem Abend ihren neuesten Record-Release zelebrierten. Die Beschreibung Hardcore trifft sowohl für Musik als auch Show ins Schwarze. Anständiges Tempo, keifender Gesang des bandanageschmückten Sängers, teils melodische Gitarrenwände, insgesamt viel Bewegung auf der Bühne. Gelegentliche Ausflüge in ruhigere Gefilde sorgten für Abwechslung und nette Ansagen für eine freundliche Atmosphäre. Gut.

Vorhersehbares Highlight des Abends waren dann aber ganz klar Antillectual aus dem niederländischen Nijmegen. Auch wenn mir dieser Name vorher natürlich unweigerlich nicht gerade selten begegnet ist und ich eine gewisse Vorstellung von dem zu Erwartenden hatte, habe ich die bis zu diesem Zeitpunkt weder live unter die Lupe nehmen können, noch mich ernsthaft mit deren Veröffentlichungen beschäftigt. Das sollte sich nun ändern und auch wenn ihres musikalisch nicht unbedingt mein favorisiertes Genre ist, so hatte sich der Hype gewisser Kreise um diese Band schnell von selbst erklärt. Denn neben ihrem alles andere als langweiligen und konventionellen, melodiösen Punk, deren Protagonisten ihre Roots im Hardcore nicht verstecken und an dem dessen emotionales Zeitalter nicht vorbei gegangen ist, überzeugte mehr noch als die musikalische Komponente das unglaublich liebenswürdige Auftreten der drei Antillektuellen, von denen der neue Bassist Tim heute seine ersten (erfolgreich gemeisterten) Auftritt mit der Formation hatte. Es strotzte nur so vor Spielfreude, Lächeln und vor allem Respekt vor allen Beteiligten an dem Abend – Organisator_innen (übrigens das Konzertkollektiv mit dem aberwitzigen Namen Sick my duck), Bands, Tresenleute und natürlich Publikum –, den sie in fast jeder ihrer Ansagen absolut authentisch zum Ausdruck brachten. Damit erfüllten sie zwar vollends ein Klischee dieser Positive Punk-Szene, aber tatsächlich ohne auch nur irgendwie gespielt oder gar peinlich zu wirken. Politik gab’s zwischendurch auch, Ansagen mit Bezug auf die seit Jahren zunehmende Hinwendung der niederländischen Gesellschaft zu rassistischer Politik oder gegen Alltags-Homophobie machten die Show, die von den vielleicht knapp 100 Anwesenden gefeiert wurde, zu einem absolut genießbaren Schlusspunkt eines qualitativ durchwachsenen Abend.

Haha, bezüglich antillektuell ein gewagt gespannter Bogen: Ausnahmsweise mal eine interessante Szene-Debatte aus Kiel am Rande…

Centcinquante pour cent de punk !

Endlich mal wieder ein Gig, der sich auch noch in die bekannte Serie „obskure Konzertorte in Paris“ einreiht. Genau stieg die Chose allerdings in Montreuil. Falls das hier noch nicht Thema gewesen sein sollte: Montreuil ist ein im Osten direkt an Paris angrenzendes Banlieue, das sich durch ein stark verankertes linkes Alltagsleben auszeichnet. Hier wohnen viele Aktivist_innen, es gibt eine lebendige (vor allem Wohn-)Squat-Kultur, historisch gehört es zu den alten Banlieue rouge und auch das Straßenbild trägt unübersehbar Züge einer linken Präsenz im Viertel. Die Kehrseite dessen – wie soll’s auch anders sein: Durch diese Stadortfaktoren gehört Montreuil derzeit zu den ersten Vorortgegenden, die nachdem nahezu ganz Paris-Stadt bereits eingenommen ist, die massiv von Aufwertungsprozessen im kapitalistischen Sinne geprägt sind.

Auf einen Sonntagnachmittag ging es also in diese wohlige Gegend, um nahe der Metro Robespierre ein kleines Spätnachmittagkonzert zu besuchen. Und zwar ein weiteres mal in einer Bar de sports. Im Gegensatz zu anderen Locations mit ähnlicher Selbstbezeichnung entpuppte sich diese aber als herkömmliche kleine Kneipe in Wohnzimmergröße, wo wenig auf Sport hinwies und der Tresen und als „Bühne“ genutzte Freifläche bereits mindestens die Hälfte des Raumes einnahmen. Ein ganzer Schwung Leute war auch schon da, der das Konzert aber ob der allgemeinen Enge zu einem großen Teil von draußen durch die offene Tür bzw. die Schaufenster verfolgte, was allerdings kein Problem war, da die Musik in völlig ausreichender Lautstärke bis auf die Straße hörbar war und die pariser Wetterlage mittlerweile schon zum draußen Rumhängen einlädt. Bei Ankunft zockten bereits De Fatwas’s, welche dann aber auch schon wieder aufhörten, just als ich damit begann, mich auf den geilen schnörkellosen Aggropunk der vier Riotgrrrls aus Amsterdam zu konzentrieren. Zum Glück war die Sache aber noch nicht endgültig, wie sich später zeigen sollte.

Es folgte ein kleiner aber feiner Kulturschock, als eine Madame und ein Monsieur locker jenseits der 50 Jahre und mit kaum verkennbarer Lebenserfahrung die gute Stube betraten und eine Handvoll klassischer französischer Chansons zum besten gaben, ganz auf die pariser Art unterlegt mit Drehorgel. Die Zwei hören auf die Namen Arnaud le facteur und Mana la manouche und erweitert wurde ihre Darbietung durch kabarettistische Einlagen, in denen der Inhalt jedes Liedes durch das Verlesen eines Briefes zu Anfang angekündigt wurde. Inhaltlich war das ganze durchaus politisch – révolutionnaire et populaire, wie mir ein Genosse ins Ohr flüsterte. Und wohl nicht ausschließlich unbekannter Kram, zumindest erwiesen sich viele Anwesende bei bestimmtens Chansons als textsicher. Trotz der experimentellen Genrevermischung kam der Auftritt gut an und das Publikum zeigte sich dankbar, wobei dieser auch nicht viel länger als 20 Minuten gedauert haben dürfte.

Nach einer kurzen Pause kehrten dann erfreulicherweise nochmal De Fatwa’s auf’s Parkett zurück, deren Namen meine Wenigkeit vorher zumindest schonmal irgendwo vernommen hatte. Und welch Glück, dass auch notorische Zu-spät-Kommende wie ich heute Abend eine zweite Chance bekamen. Denn der Sound schockte. Die vier Frauen reduzierten Punkrock auf das Wesentliche: Schraddelnde Gitarre, nach vorne treibender Bass und eine sich authentisch über allen möglichen Dreck auskotzende Sängerin, wobei Songtitel wie So what und Tonight you gonna pay motherfucker (oder so ähnlich) bereits erahnen lassen, dass hier vernünftigerweise auf übertriebenen Intellekt zugunsten der Wut geschissen wird. Inhaltlich schien u.a. das Hausbesetzen hoch im Kurs zu sein und insbesondere die im letzten Jahr in den Niederlanden verschärfte Gesetzeslage diesbezüglich. Klare Antwort der Fatwa’s: Kraken gaat door! Übrigens bin ich ganz offenbar nicht der Einzige, der sich über die eigenartigen Konzertorte in dieser Stadt wundert, zumindest der Ansage zufolge, nach der die Band normalerweise in Squats und nicht in normalen Kneipen spiele, was sie aber ausdrücklich als keine schlechte Erfahrung verstanden wissen wollten.

Wie auch immer, pünktlich um 20 Uhr war diese Show, die zweifelsohne das Etikett Punk verdient hat, auch schon wieder vorbei und nach einem harten Wochenende stand einem entspannten Abend zu Hause nix mehr im Wege.